Abi-Entwertung: Schulverband warnt vor alarmierender Entwicklung

Der Deutsche Hochschulverband beobachtet eine alarmierende Entwicklung im deutschen Schulsystem. Den Experten zufolge seien die Abiturprüfungen zu leicht. Man beobachte eine „Noteninflation“.

Eine Umfrage der „Rheinischen Post“ wertete jüngst die Entwicklung der Abiturnoten in der Bundesrepublik aus. Das Ergebnis: Immer mehr Abiturienten erhalten einen Hochschulabschluss mit einer eins vor dem Komma. Was zunächst positiv klingt, wird von den Hütern der Schulqualität harsch kritisiert. Der Deutsche Hochschulverband (DHV) sprach gar von einer „Noteninflation“, der Einhalt geboten werden müsse. Man sehe „mit Sorge, dass die Abiturnoten besser werden“, so der Kommunikationsbeauftragte des Verbands. „Qualität muss Vorrang vor Quantität haben.“ Offenbar liegen dem DHV Rückmeldungen vor, dass die Schulabgänger nicht genug Wissen aus dem Abitur mitbrächten. Laut DHV-Sprecher mangele es beispielsweise an Grundkenntnissen der Mathematik.

Allerdings ist die Datenlage kompliziert. So konnte Schleswig-Holstein der Zeitung nur Zahlen von 2017 vorlegen. Die genannten Daten beziehen sich allerdings auf das Abschlussjahr 2018. In diesem Jahr habe jeder vierte Abiturient eine Abschlussnote von 1, 9 oder besser erhalten. 2008 war es noch jeder Fünfte. In 15 von 16 Bundesländern ist die Bestnote damit deutlich häufiger vertreten, als noch zehn Jahre zuvor. Die einzige Ausnahme bildet Baden-Württemberg, hier sind die Einser-Abschlüsse rückläufig.

Gemäß der aktuellen Datenlage entließen Thüringen, Sachsen und Bayern die meisten Einser-Abiturienten. Ein Vergleich der Länder untereinander gestaltet sich allerdings schwierig. Zwar wurde 2016 der ländergemeinsame Aufgabenpool in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch eingeführt, doch im Detail unterscheiden sich die Abiturprüfungen und deren Bewertung nach wie vor sehr deutlich voneinander. So hatten sich dieses Jahr beispielweise zahlreiche Schüler über die Prüfungsaufgaben im Fach Mathematik beschwert. Hamburg, das Saarland und Bremen gaben den Reklamationen nach und passten den Notenmaßstab an. Bayern lehnte dies ab.

Tatsächlich unterscheiden sich die Länder jedoch nicht erst bei der Bewertung der Abiturprüfungen, sondern bereits in der Aufgabenstellung. Seit 2016 beziehen alle Bundesländer die Abitur-Aufgaben der Schwerpunktfächer aus einem ländergemeinsamen Aufgabenpool, jedoch dürfen die Lehrer jene Aufgaben noch verändern. Je nach Bundesland werden dann Aufgabenteile weggelassen oder umformuliert, angepasst an die Schülerschaft, im Ermessen der dortigen Bildungshüter. Der Mathematiker Jens Mandavid hat Abituraufgaben der vergangenen Jahre verglichen und bewies dabei, dass die tatsächlich geprüften Aufgaben und deren Auswertung teilweise kaum noch vergleichbar sind.